Selbstversuch mit echtem Baby – mal ganz ehrlich

Seit drei Wochen habe ich ein echtes, eigenes Baby!
Prima, denkt die Trageberaterin in mir, jetzt kann ich alles mal in Ruhe mit echtem Kind ausprobieren, alle Tragehilfen durchtesten, und sehen, was in der Praxis wirklich taugt.

Ganz ehrlich: Im Selbstversuch entpuppt sich so manches, was man vormals ganz toll fand, als völlig nutzlos oder sogar hinderlich. Und man gewinnt im Alltag Erkenntnisse, die man mit Puppe oder auch in der Beratung nie gewonnen hätte, weil man manche Dinge (z.B. das Jacke-anziehen-mit-Puppe) nie ausprobiert!!

Hier also das erste Resumee:

Tag 2  – Ringsling:

Im Krankenhaus möchte ich zum Frühstücksbuffet die Kleine gern in der Tragehilfe mitnehmen, anstatt sie im klinikeigenen Schneewittchensarg (transparentes Kinderbettchen) durch die Gänge zu schieben.
Eigentlich weiß ich, das aus versicherungstechnischen Gründen das Bettchen-Schieben die einzig erlaubte Art ist, das neue Kind über den Krankenhaus-Gang zu transportieren, aber ich habe ja nicht umsonst drei Tragehilfen mit in die Kliniktasche gepackt!

Also beschließe ich, dass ich beim Tragen in der Tragehilfe ja auch beide Hände frei habe um mich bei einem potentiellen Sturz abzufangen und wähle den Ringsling.

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Da mein Baby praktischerweise schläft und ich nicht in Stress gerate, klappt das Anlegen des Ringslings zunächst einigermaßen gut, wenngleich (natürlich) die Ringe etwas zu weit herunterrutschen. Zum Glück schläft die Kleine und fühlt sich durch das Metall in unmittelbarer Nasennähe nicht weiter gestört.

Beim nächsten Versuch schiebe ich daher die Ringe wirklich richtig hoch auf die Schulter, was aber dazu führt, dass die Kopfkante mir nach dem Festziehen diagonal (von Achsel zu Schulter) über den Brustkorb läuft und der Kopf der Kleinen davon fast vollständig verdeckt wird. Also – so dann auch nicht!

Bei einigen späteren Versuchen mit dem Ringsling stelle ich darüberhinaus fest, dass man  durch die Ringe wirklich nur wenige Zentimeter Tuch gut festziehen kann. Hat man zu lose vorgebunden und muss daher mehr Tuch durch die Ringe festziehen, blockiert sich selbst mein wirklich weiches und geschmeidiges Tuch schnell selbst.

Beim Frühstück bin ich froh, dass der Sling auf der linken Schulter liegt, so kann ich als Rechtshänder wenigstens leidlich mein Brötchen schmieren und die Kaffeetasse (am Kind vorbei) zum Mund führen :-)

Erkenntnis 1: Die Position der Ringe ist eine heikle Sache: Schnell rutschen sie zu tief vor die Nase und über das Händchen des Kindes. Aber, wenn man die Ringe zu hoch schiebt, bleiben sie oben und die Kopfkante wird schief und zu hoch!

Erkenntnis 2: Merke dir sehr genau, wieviel Tuchstrang nötig ist, um einen korrekten Beutel für dein Baby zu machen. Musst du zuviel Tuch durch die Ringe festziehen, gibts trotz Sortieren Überlappungen und Kuddelmuddel!

 

Tag 3  – Wickelkreuztrage

Am nächsten Tag möchte ich erneut mit Kind und ohne Bettchen zum Frühstück und entscheide mich diesmal fürs Tragetuch, damit ich beide Arme gleichermaßen bewegen kann.

Beim Binden (wieder mit schlafendem Kind) stelle ich fest, dass ich tendenziell zu hoch binde, obwohl ich der Ansicht war, dass einer der meist-gemachten Fehler beim Tragen das zu-tief-Tragen ist!

Beim zweiten Anlauf sitzt aber das Kindchen so, dass ich mein Kinn wieder nach unten bewegen kann und steht damit dem Frühstück nicht mehr im Wege.

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Bereits als ich im Frühstücksraum ankomme ist die Kopfkante locker. Ich versuche, ohne den Knoten wieder zu öffnen die Kopfkante etwas nachzuziehen, was natürlich nicht funktioniert. Hätte ich ja wissen müssen…

Da ich nicht nochmal binden will versuche ich also, mich zurückzulehnen, damit das Köpfchen nicht nach hinten kippen kann. Promt stört mich der blöde Knoten in meinem Rücken und macht das Sitzen-und-Anlehnen richtig unbequem!

Beim Ausbinden, bzw. herausschlüpfen-wie-aus-einem-Rucksack habe ich das Gefühl, mein Baby zu zerquetschen. Dann bleiben die  Beinchen der Kleinen beim Herausheben in irgendeiner Tuchfalte hängen. Ausserdem ist das Tuch danach um meinen Bauch herum so derartig verwurschtelt, dass ich Mühe habe, es wieder loszubekommen. Vielleicht ist zurück-Binden doch die bessere Variante, zumindest solange es im Haus egal ist, ob die Tuchenden auf dem Boden liegen.

Erkenntnis 1: Die Kopfkante darf ruhig stramm gezogen werden, weil sie sich ohnehin wieder lockert.

Erkenntnis 2: Ich nehme eine Tuchgröße größer (Größe 7 ), damit ich die Tuchenden wieder nach vorn führen und den Knoten unter dem Po des Kindes machen kann. So kann ich bequem sitzen und habe kein Schwänzchen!

Erkenntnis 3: Schnell rausschlüpfen bezahlt man mit Tuchgewurschtel und lohnt nicht immer.

 

Tag 3 (Nachmittag) – Girasol Mysol

Da ich ohne Geburtsverletzung schon ziemlich fit bin, Besuch bekomme und obendrein super Sonnenwetter ist, beschließen wir, bereits den ersten Ausflug nach draußen zu machen.
Tragen soll der Papa, und weil selbiger noch nicht richtig binden kann fällt die Wahl auf die Girasol Mysol.

Die Trage lässt sich wunderbar auf mein winziges Kind einstellen und der Papa bindet das Kind in der richtigen Höhe und der notwendigen Festigkeit an sich dran. Die Kleine passt sogar noch mit unter die Daunenjacke.

Als wir bei Kaffee und Kuchen im Café sitzen, sinkt das Mini-Kind aber doch ziemlich in sich zusammen und rutscht in der Trage mit der Nase immer weiter nach unten.
Ich glaube, dass sich der Rücken des Tragenden im Sitzen ein bisschen mehr rundet und dadurch vorn für das Baby mehr Platz entsteht als beim Gehen oder Stehen. Durch den zusätzlichen Raum „lockert“ sich quasi die Trage und das Kind kann zusammensinken.

Wir greifen beherzt in die Trage und richten die Kleine wieder auf, sodass das Köpfchen nicht mehr zu sehr auf die Brust sinken kann.

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Plötzlich wirkt auch die amerikanische Variante des Bindens (Träger über die Beinchen oder gar über den Rücken des Kindes) nicht mehr so weit hergeholt – die Amerikaner sitzen doch mehr, oder? :-)

Erkenntnis: Im Sitzen muss besonders auf die Haltung des Kindes geachtet werden, ggf nachbinden oder den Rücken aktiv stützen.

 

Tag 3 (Abend) – Wickelkreuztrage UND Tragemantel

Zum Jahreswechsel dürfen wir also nach Hause, und weil wir um Mitternacht sowieso nicht schlafen, müssen wir natürlich raus, um das Feuerwerk der Nachbarn anzuschauen. (Wir haben nur überdimensionale Wunderkerzen, mit denen die ältere Tochter annähernd geräuschlos Leuchtkreise in die Luft malt).

Der Wollmantel mit Trageeinsatz schirmt zwar den Lärm nicht ab, wärmt aber äußerst wirkungsvoll mich und das neue Baby. Dieses Kleidungsstück ist es wirklich wert!!

Das merke ich auch bei vielen folgenden Spaziergängen.

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Nach ca. 2 Wochen – Känguru

Nun wollte ich mal was anderes ausprobieren und vor allem mal mit kürzerem Tuch binden: Also: Känguru. Ich schaue mir vorsichtshalber mal mein eigenes Prüfungsvideo (von vor eineinhalb Jahren) an, damit ich alles richtig mache.
Das Binden klappt leidlich, ich habe abwechselnd zu lange und zu kurze Ärmel und die Ansage, immer nur  mit der Hand der jeweiligen Seite das Ärmelchen zurecht zu zupfen ist eine lustige Theorie. Meine Hand kommt irgendwie grade so an die Kante, aber mit zurechtzupfen klappt dann nichts mehr. Irgendwie ist der Arm zu kurz oder der Winkel zu steil oder so.

Außerdem kann ich mit dem gebundenen Känguru NICHTS MACHEN, ohne dass mir die Ärmel hochrutschen und die Kopfkante flöten geht. Ich kann mir nicht Kaffee einschenken (Kaffeemaschine steht etwas über meiner Kinnhöhe), ich kann nicht die Butter aus dem Kühlschrank nehmen, nicht über den Tisch greifen, nicht die Jacke vom Garderobenhaken nehmen, geschweige denn, sie anziehen!

Erkenntnis: Känguru geht nur, wenn man vorhat, sich nicht zu bewegen. :-(

 

Nach zweieinhalb Wochen – Rucksack

Jetzt will ich mich was trauen! Das zweieinhalb-Wochen Baby soll auf den Rücken, damit ich endlich wieder die ältere Tochter und den Ehemann richtig in den Arm nehmen kann :-)

Auch hier schaue ich mir mein Prüfungsvideo an. Ich überlege kurz, mit Puppe zu üben, verwerfe aber die Idee, weil ich mir denke, dass das wohl eher kontraproduktiv sein könnte. Stattdessen gehe ich zum Binden auf unser 2,80m breites Bett; man weiß ja nie…

Das Mini-Kind und ich brauchen fürs Einbeuteln mehrere Anläufe. Das Tuch muss für uns wesentlich weiter über den Kopf hinausragen als im Video, weil Caya sonst den Kopf in den Nacken legt, die Kante runterrutscht und das Köpfchen nicht mehr gestützt ist.
Der „Schwung“ über die Schulter klappt erstaunlicherweise Angst- und Geschrei-frei.

Am Ende ist natürlich die Kopfkante zu locker, was aber nicht so schlimm ist, weil der Kopf angelehnt an meinen Nacken schön bleibt wo er ist.

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Ich bin hin und weg von der Bewegungsfreiheit, die ich plötzlich habe und finde auch überhaupt nicht schlimm, dass ich das Baby nicht sehen kann. Das Köpfchen ist so nahe an meinem Ohr, dass ich sie atmen hören kann. Außerdem ist der Spiegel ja nicht so weit weg.

Erkenntnis: Der Rucksack ist der Hit! Auch weil er mit Tuchgröße 3 (tub) schon zu binden ist (ich habe ein wunderschönes Oscha, das ich sonst für nix gebrauchen kann).

 

Soon more…
Bitte entschuldigt die unmögliche Bildqualität… habe mit dem Handy bei schlechtem (Krankenhaus-)Licht die ersten Bilder geschossen… War nicht anders möglich :-)

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