Ergobaby 360 – Product Review

Hersteller: Ergobaby
Produkt: 360°
Kategorie: Fullbuckle Tragehilfe
Preis: 159,95€
Materialien: 100% Baumwolle
Größe: one size
Gewicht: 720 g
Farbe: Midnight blue

Geeignet für 
Herstellerangaben: 4–36 Monate (5,5 –15 kg), (mit separatem Infant Insert ab Geburt)  
Meine Empfehlung: 4 Monate bis ca. 2 Jahre.
Anpassung des Steges: 
Verstellbar von Tragen mit Blick nach innen auf Tragen mit Blick nach außen; Die Stegbreite verändert sich dadurch minimal von 32 auf 35 cm.

Produkt:

1.1. Ergonomie Baby

Anpassen der Stegbreite
Das Panel der Trage ist mit einer fixen Breite an den Hüftgurt angenäht und lässt sich daher nicht wirklich weiten-verstellen.
Zwei links und rechts angebrachte, gepolsterte Flaps können in zwei Positionen angeknöpft werden. Dadurch unterscheiden sich die inward-facing von den outward-facing Tragepositionen.

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Bild: Flaps, nicht geschlossen

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Bild: Flaps, Innenseite der Trage

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Bild: Knöpfe zum Einknöpfen der Flaps
Ein Abbinden des Steges ist aufgrund der Polsterung und damit verbundenen Steifigkeit des Po- und Oberschenkelbereichs auch nur schwer möglich.
Ich habe versucht, die beiden Flaps, ohne sie einzuknöpfen, nach innen zu klappen und die Puppe draufzusetzten, was zwar eine einigermaßen passende Stegbreite generiert, aber ziemlich unbequem für Babys Popo anmutet. Eine vernünftige Anhockung ist leider auch so nicht möglich. 
Für ganz Kleine ist der Ergo 360°  also Tatsächlich nicht geeignet!

Beim Ergo 360° fällt auf, dass das Panel/Rückenteil größtenteils nicht an der Oberkante des Hüftgurtes, sondern fast 6 cm tiefer angenäht ist.
Dadurch wird vermieden, dass das Kind AUF dem Hüftgurt abgesetzt wird, anstatt mit dem Po in den (stark vorgeformten) Beutel zu sinken. 
Seitlich, wo die Oberschenkel bzw. Kniekehlen des Babys sind, wird das Panel aber wieder zur Oberkante des Hüftgurtes geführt. Damit ist gewährleistet, dass die Knie höher positioniert sind als der Po!

Für die Große Puppe (entspricht einem knapp eineinhalb Jahre alten Kind)  ist der Steg immernoch breit genug, jedoch ist fraglich, ob ein Dreijähriger (durchschnittllich 95 cm groß) noch bequem sitzen kann. Nach Faustregel (Stegbreite = halbe Körpergröße) müsste der Steg dann ca 47 cm breit sein, ist aber nur 35 cm breit.
Unterstützung des gerundeten Rückens

Da die Schulterträger wie bei vielen Fullbuckle-Tragen (und allen Ergobaby-Tragen) relativ mittig am Panel angebracht sind, ist hier ein gewisser Zug/Druck auf den Babyrücken nicht ganz auszuschließen (empfindliche, kleine Babies könnten in eine zu aufrechte „Sitz“haltung gezwungen werden). Allerdings setzten die Schulterträger in einem schrägen Winkel an, sodass der Zug der Träger in Richtung Po des Kindes und nicht horizontal (quer) über den Rücken geleitet wird.

Kopfstütze
Die Kopfstütze beim Ergobaby 360° setzt sich zusammen aus einer Nackenstütze, die in zwei Positionen befestigt werden kann (hochgeklappt, heruntergeklappt) und einer darin versteckten einlagigen, vollwertigen Kopfstütze.

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Nackenstütze, hochgeklappt

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 Nackenstütze heruntergeklappt

Die Nackenstütze wird durch den Reißverschluss, der die Kopfstützentasche verschließt und die hineingewurschtelte Kopfstütze dick und evtl. unförmig/ungleich ausgeformt.

Die einlagige Kopfstütze ( „Hoody“) mit den zwei bedruckknopften Bändern, die in verschiedenen Höhen auf das Gegenstück auf dem Schultergurt geknöpft werden können, funktioniert jedoch gut. Die seitliche Raffung mittels Gummiband innerhalb der Kopfstütze ermöglicht dem Baby ein Minimum an Bewegungsfreiheit.

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 Bild von Hoody in RV-Tasche

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Bild: Kopfstütze aus RV Tasche herausgezogen

1.2. Tragen mit Blick nach außen/vorne

Natürlich ist das Tragen mit Blick nach vorn/außen umstritten und auch Ergobaby selbst empfiehlt (zumindest im deutschen Tutorial-Video), das Baby so nur für 10 bis 15 Minuten zu tragen. 
Eine Trage aber nur deswegen per se zu verdammen, weil sie diese Funktion anbietet, schießt meiner Ansicht nach über da Ziel hinaus.

Letzendlich kennt jeder Tragende sein Baby am besten und übernimmt die Verantwortung für sein Baby selbst. Und nur, weil die Trage diese Position anbietet, bin ich als Tragender ja  auch nicht gezwungen, die Outward facing position bis zur Überstimulation des Babys auszureizen.
Beim Ergo 360° ist die Situation zusätzlich dadurch entschärft, dass ein wesentlicher Kritikpunkt an der Trageweise mit Blick nach vorn nicht zutrifft: Durch den ausgeformten „Schalensitz“, also Beutel der Trage, sitzt das Baby selbst mit Blick nach vorn in einer passablen Anhock-Spreiz-Haltung.
Natürlich hat diese Trageweise auch für den Tragenden ihre Grenzen, da der Schwerpunkt des Kindes wesentlich weiter vom Körper des Tragenden entfernt ist als bei anderen Trageweisen und das Baby dadurch noch schwerer erscheint. Ich stelle mir auch die nach vorne abstehenden Beinchen des Kindes als ein wenig hinderlich vor .
Allerdings sitzt meine 80 cm Puppe (fast eineinhalb-jähriges Kind) noch in einer akzeptablem Haltung drin, allerdings habe ich die Flaps wieder breiter, also auf die äußeren Knöpfe geknöpft.

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Bild Puppe 80cm nach vorn – Flaps an äußeren Knöpfen

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Bild Puppe 80cm nach vorn – Flaps an äußeren Knöpfen

1.3.  Ergonomie Tragender

Hüftgurt
Der Hüftgurt ist nicht besonders dick gepolstert. Er ist sogar nur über einen Abstand von 27 cm gepolstert und zwar direkt unter dem Panel. Der Rest des unglaublich langen Hüftgurtes erhält seine Steifigkeit durch die Mehrlagigkeit und das aufgenähte Klett und kann so auch einige Last aufnehmen.
Der Hüftgurt des 360° wird, wie gerade erwähnt, mit Klett geschlossen und kann / muss mit einer zusätzlichen 25mm Hilfsschnalle gesichert werden.
Das funktioniert soweit ganz gut, wenn man gelernt hat, dass man den Hüftgurt bereits auf Anhieb so eng wie möglich kletten muss, weil er sich nachträglich natürlich nicht mehr festziehen lässt.
Problem: Die Länge des Hüftgurts scheint auf Sumo-Ringer ausgelegt zu sein, jedenfalls müsste man mit Kleidergröße 36 und weniger den Gurt mindestens dreimal um die Taille wickeln! Der Kleinste Umfang des Hüftgurts beträgt 85 cm, legt man ihn noch enger an würde der Klett-Teil frei wegklappen können und evtl. die Klamotten/Taschen etc. beschädigen.
Schultergurte
Die Schultergurte sind ganz leicht gebogen und bequem gepolstert. Sie haben einen Brustgurt, der auf einem Gurtband in der Höhe verstellbar ist.
Die Schultergurte sind am Ende des Polsters vom Gurtband  lösbar (mit SR-Buckle) angebracht, sodass der Eindruck entsteht, man könnte sie überkreuz tragen. Wenn man die Trage mit einer helfenden Person anlegt, kann das auch funktionieren, alleine jedoch kann man die Schultergurte trotz SR-Buckle nicht schließen, weil man schlicht an die Position nicht mit beiden Händen drankommt! 
Diese Schnallen sind nur für die Hüfttrageweise hilfreich, aber auch hier ist das Erreichen der Schnalle schwierig. 
Ich hätte da lieber Stillschnallen dran, die aber fehlen.

1.4. Tragepositionen

Der Ergo 360° bietet 4 Tragepositionen an:
Fronttrageweise (Blick nach innen) lt. Hersteller ab 4 Monate
Hüfttrageweise lt. Hersteller ab 6 Monate
Rückentrageweise lt. Hersteller  ab 6 Monate
Fronttrageweise mit Blick nach vorn lt. Hersteller von 5-12 Monate

1.5. Handling

Das Anlegen des Hüftgurtes ist ein bisschen gewöhnungsbedürftig, 1. Weil er so lang ist und 2. Weil man erst nochmal schauen muss, wo Klett und Flausch ist und wie die Lagen aufeinander gehören. 
Das zusätzliche Schließen der Sicherheits-Schnalle erscheint zunächst unnötig und nervig, fließt aber schnell in die Routine mit ein.
Das weitere Anlegen der Trage und das Positionieren des Babys unterscheidet sich im Handling nicht von anderen auf dem Markt befindlichen Tragehilfen.
Das Überkreuz-Anlegen der Schulterträger funktioniert aufgrund der Schnallen-Position zu weit im Rücken nicht, wird aber auch nirgends thematisiert, sodass man (ohne Erfahrung mit anderen Tragen) nicht auf diese Idee kommt.
Das Anlegen der Hüftposition gestaltet sich etwas komplizierter. Durch die lösbaren und in diesem Fall überkreuzbaren Schulterträger ist die Hüft-Position besser, sicherer und bequemer als bei Tragehilfen mit festgenähten Schulterträgern, jedoch gilt auch hier, dass bei großem Kind und breitem Tragenden das Schließen und vor allem das Lösen (!) der Schulterträger nur schwierig möglich ist.
Die Verstellung der Flaps für den „Schalensitz“ bzw. die Stegbreite funktioniert mit den Knöpfen einfach und ist leicht zu verstehen. Auch die Bedienung der Kopfstütze(n) klappt gut.

1.6. Material/Verarbeitung

Die Trage ist vollständig aus Baumwollgewebe in Leinwandbindung, außen ein dickeres, gröberes Gewebe, innen ein feines Lining. 
Durch die vielen Einstellmöglichkeiten, eingenähten Gurtbänder, aufgenähten Labels und Taschen sind an vielen Stellen der Trage (Panel) Verdickungen.
Die beiden Verbreiterungs-Flaps, die den „Schalensitz“ bilden, sind dick und recht steif gepolstert.
Die Schnallen und Knöpfe sind mit Ergobaby-Logo bzw. Schrift gebrandet und alle Stickereien, Polsterungen und Nähte sind wirklich ordentlich gemacht!

2. Verpackung:

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Schöne Box mit allen notwendigen Infos in allen möglichen Sprachen drauf, mit schönem geflochtenem Griff. 
Leider wird kein Aufbewahrungsbeutel für die Trage mitgeliefert

 3. Anleitung:

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Die Anleitung erklärt mit Photos passabel das Anlegen der Trage. Der Fokus ist hier aber stark auf die Kontrolle der Einstellmöglichkeiten und der Ergonomie des Tragenden. 
Hinweise auf die korrekte Haltung des Babys sind schon vorhanden, aber die Überprüfung der richtigen Position wird leider nicht erklärt (ich erwähne das deswegen, weil die Anleitung beim neueren Adapt hier wirklich anders und besser ist!!).
Die Benutzung ab Geburt wird mit dem Neugeborenen-Einsatz (dickes Polster, muss separat gekauft werden) gezeigt.

  4. Extras:

Der 360° ist  in der „cool“ Air Version besser belüftet durch Netzgewebe und hat einen anderen Hüftgurt (wie der Adapt mit Lordosenpolster).

Die Trage wird sowohl vom Hip Displasia Institute als auch von diversen Organisationen, die sich einem gesunden Rücken verschrieben haben, zertifiziert und empfohlen.

 5. Fazit:

Also, wenn man nicht zwingend sein Kind „in Fahrtrichtung“ tragen will oder muss, stellt die Trage m.E. keine wirkliche Alternative zu den bereits seit langem auf dem Markt befindlichen Ergo-Tragen (und erst recht nicht zu anderen Tragen) dar. 
Der Steg ist aufgrund der dicken Polsterung der Schalensitz-Flaps nicht abzubinden, also kann die Trage nicht ab Geburt genutzt werden. Die Verbreiterungsmöglichkeit des Steges um ca. 3 cm ist auch eher zu vernachlässigen. Folglich passt die Trage dem Kind wirklich gut wahrscheinlich nur für ein halbes Jahr (nämlich ungefähr zwischen Kleidergröße 62 und 74).

Wenn aber fürs Tragen nur eine forward-facing position in Frage kommt, was aus diversen Gründen geschehen kann, dann ist der Ergo 360° auf jeden Fall zu empfehlen und sticht aufgrund der wesentlich besseren Ergonomie in dieser Position alle anderen Tragen mit nach-vorne-Position aus!

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