Über das Entwickeln von Tragehilfen

Neulich erzählte mir meine Mama von der Schwiegertochter einer Freundin, die sich jetzt als  junge Mutter mit der Herstellung von Tragetüchern und Tragehilfen selbstständig machen wolle. Diese Idee begegnet mir nicht zum ersten Mal und tatsächlich sind ja auch viele inzwischen namhafte Unternehmen genau so entstanden!

Als tragender Elternteil liegt der Gedanke ja auch nahe, erscheinen doch viele Tragehilfen, vor allem jene in den Mainstream-Läden, verbesserungsfähig und manchmal wäre es doch „soo einfach“ eine kleine Modifikation nur, dann wäre doch die Trage schon viel besser. Also: Warum nicht selbst, wenn man doch schon aus der Erfahrung mit dem eigenen Kind heraus so gut Bescheid weiß.

Ich selbst bin natürlich auch schon auf den Gedanken gekommen (und habe ihn immer wieder aus verschiedenen Gründen verworfen), daher möchte ich das Gespräch über die Schwiegertochter mal zum Anlass nehmen, die Hürden des Tragehilfen-Entwickelns etwas genauer unter die Lupe zu nehmen:

 1. Produktentwicklungsgrundlagen

Vor jeder Produktentwicklung sollte in etwa klar sein, was dabei herauskommen soll. Das kann unterschiedlich detailliert sein; manchmal nur sehr grob skizziert, manchmal genau bis hin zur Festlegung von Farbe und Gewicht. Was aber in keinem Fall fehlen sollte, ist eine umfassende Analyse des Marktes, also der Konkurrenz, und eine möglichst präzise Definition der Zielgruppe.

Für Ersteres (Markt) genügt es nicht, nur in den einschlägigen Läden die Marktführer zu betrachten und nach „Tragehilfen“ zu googlen. Wichtig ist, sich ein umfassendes Bild auch über die Alleinstellungsmerkmale der Konkurrenten sowie deren Preisabstufungen (und die Produkt- / Preispalette der Händler) zu machen. Der Markt im eigenen Heimatland erscheint zwar zunächst der Wichtigste, aber auch Hersteller aus dem Ausland, die vielleicht (noch) nicht in Deutschland vertreiben,  müssen beachtet werden. So ist es sinnvoll, nicht nur nach „Tragehilfe“ zu googlen sondern mindestens auch nach „Babycarrier“ und „Porte-bébé“!

Habe ich mir ein umfassendes Bild des Marktes gemacht, kristallisieren sich schon manche Erkenntnisse heraus, z.B:
Was gibt es bereits?
Erkenntnis: was es bereits gibt, braucht man in der gleichen Form nicht nochmal zu machen, sonst begibt man sich in ein reines Verdrängungs-Marketing, außerdem besteht die Gefahr, dass es geschützt ist.
Was funktioniert (nicht)?
Also: Welche Produkte verkaufen sich gut, welche nicht und WARUM? Hier ist möglicherweise ein Gespräch mit dem Ladenbesitzer / Verkäufer ein wahrer Augenöffner. Dann: Wo soll sich das eigene Produkt einordnen? (Qualität, Details/Merkmale, Preis)

Für zweiteres (Zielgruppe) erscheint es zwar naheliegend, wenn man zunächst sich selbst (und die beste Freundin) im Blick hat, jedoch birgt das neben vielen Vorteilen auch ein paar Stolperfallen! Zu leicht verliert man den Blick auf Andere, die evtl. einen anderen Geschmack, anderen Geldbeutel oder andere Prioritäten haben. Hier gilt es vorsichtig zu eruieren, ob die Zielgruppe, für die mein Produkt gemacht sein soll, wirklich vorhanden und dann auch groß genug ist, dass sich der Aufwand lohnt! (Beispiel: Die Gruppe der Menschen, die hunderte von Euro für handgewebte oder künstlich verknappte Tücher bezahlt, ist vergleichsweise klein. Oder: Vielen Menschen ist eine einfache Handhabung eines Produktes wichtiger, als der millimeter-passgenaue Sitz mittels mehrerer Einstellmöglichkeiten…)
Es lohnt sich also, nicht nur im näheren Bekanntenkreis (gleiche soziale Nische) nach den Bedürfnissen und Vorlieben zu recherchieren! Ganz wichtig dabei: Wieviel Geld sind die Menschen wirlich bereit zu bezahlen?

 2. Normen

Haben wir also ungefähr anhand von Markt- und Zielgruppenanalysen definiert, wie das Produkt werden soll kommen weitere Anforderungen ins Spiel, die mit der ursprünglichen Vorstellung abgeglichen werden müssen (und sie manchmal bereits zunichte machen). Eine davon: Normen.

In Deutschland (sowie in ganz Europa) gilt für Tragehilfen die EN 13209-2. Diese Norm kann man nicht einfach einsehen, sondern muss sie für ca. 100€ kaufen (z.B. hier: https://www.beuth.de/de/norm/din-en-13209-2/233057522)

Jedes Produkt, das in Europa in den Handel kommt und unter den Anwendungsbereich der Norm fällt, sollte den Anforderungen in der Norm gerecht werden. Die Norm definiert neben Stabilität (z.B. Reißfestigkeiten) und den dazugehörigen Tests u.A. auch, dass z.B. eine Anleitung beigelegt und genau definierte Warnhinweise abgedruckt werden müssen.
Die erste Schikane ist jedoch, erstmal rauszufinden, ob das Produkt, das uns vorschwebt, überhaupt unter diese Norm fällt oder (hier z.B. mangels Beinschlaufen) doch „nur“ unter den Anwendungsbereich der Technischen Richtlinie TR-16512 https://www.beuth.de/de/norm/pd-cen-tr-16512/238555825

Um am Ende wirklich sicher zu sein, dass das Produkt der Norm entspricht oder (wenn es nicht unter die Norm fällt) zumindest sicher genug für den Markt ist, sollte es vom Prüfinstitut (z.B. SGS, Intertek, TÜV) nach der Norm oder dem TR getestet werden. (Das machen die natürlich  nicht umsonst!)

Soll das Produkt, vielleicht noch nicht jetzt, aber später, im außereuropäischen Ausland vertrieben werden, lohnt es sich, sich gleich bei der Entwicklung auch die amerikanischen Normen ASTM F 2907:2015 (Sling Carrier) oder ASTM F 2236 (Soft toddler and infant carriers) anzusehen. (je ca. 50€)

3. Patente

Die zweite, große Anforderung an unser Produkt ist, um nachträglich großen (finanziellen) Schaden zu vermeiden, dass es keine bestehenden Patente verletzt! Fast alle großen Hersteller lassen sich ihre Ideen schützen, als Beispiel Manducas Rückenteil-Verlängerung mittels Reißverschluss.

Das gute daran: Für das Einsehen von Patenten muss nichts bezahlt werden! Jedoch ist es nicht so einfach, die Patente auch wirklich zu finden. Nicht alle Hersteller haben die Patente auf den Markennamen des auf dem Markt befindlichen Produktes angemeldet. Das Manduca Patent beispielsweise findet man, wenn man nach der Erfinderin Petra Schachtner sucht! Unter dem Suchbegriff Manduca nicht. Auch existieren angemeldete Patente, zu denen überhaupt noch kein Produkt auf dem Markt ist.
Natürlich sind alle Produkte in sogenannte Klassen unterteilt, um die Suche zu erleichtern :-)
Für Babytragen ist das (bei Europäischen Patenten) die A47D13/02, es sind aber leider auch relevante Patente in den Klassen A47D13/08 zu finden. Allein die A47D13/02 beinhaltet 7865 Dokumente. Viel Spaß.

Hier ist die Webseite mit Suchfunktion des Patentamtes: https://depatisnet.dpma.de/DepatisNet/depatisnet?window=1&space=menu&content=index&action=index

Außerdem ist da Lesen von Patenten eine sehr eigenwillige Disziplin. Ähnlich wie bei den Normen gilt eigentlich nur das, was da wirklich steht und alles andere NICHT, jedoch wird bei einem Patentstreit (oder Anfechtung) durchaus ein bisschen über den Tellerrand geguckt. Ohne anwältliche Patentrecherche (Kostenpunkt: mehrere tausend Euro) kann man da nie wirklich sicher sein. Andererseits: Wo kein Kläger, da kein Richter.

Wenn ich nun glaube, selbst was noch nie dagewesenes erfunden zu haben, möchte ich das natürlich auch mit einem Patent schützen! Auch hier muss eine anwältliche Recherche vorausgehen; nicht jedoch, wenn ich „nur“ ein Gebrauchsmuster anmelde. Das ist günstiger, erfolgt aber ohne Prüfung. D.h. wenn jemand meine Erfindung kopiert, habe ich einen Schutz. Hat aber vor mir jemand das Gleiche bereits angemeldet, merke ich das trotzdem nicht.

4. Was gehört noch dazu

Mit dem Produkt allein ist es, wie oben schon erwähnt, nicht getan. Wenn ich mein Produkt voll entwickelt, getestet und evtl. als Erfindung angemeldet habe, brauche ich noch eine Verpackung, Anleitung, vielleicht ein Tutorial Video, eine Webseite etc. Dieses Marketing sollte nicht unterschätzt werden, denn die Konkurrenz hat und macht das alles auch und der Kunde erwartet es früher oder später!

 5. Produktion

Außerdem muss man sich auch Gedanken um die Produktion und Beschaffung machen:
Kann ich meine Rohstoffe in ausreichender (und nicht zu großer) Menge zu gleichbleibender Qualität und rentablem Preis beschaffen UND LAGERN?
Wenn ich mein Produkt selbst nähen/herstellen möchte, muss ich mich fragen ob ich wirklich immer gleichgleibende (Näh-) Qualität garantieren kann. Vielleicht ist hier die ein- oder andere Anschaffung z.B. einer Industrie-Nähmaschine nötig, die zuverlässig auch Leder oder dicke Schäume durchbohren kann.
Möchte ich jemand anderen produzieren lassen, stellt sich natürlich die gleiche Frage; dazu kommt aber noch die MOQ (Mindestbestellmenge) für das fertige Produkt, und die Frage nach der Lagerhaltung der Fertigprodukte.

6. Vertrieb

Wie kriege ichjetzt mein tolles Produkt an den Mann?
Natürlich wäre es wunderbar, wenn mein Produkt im einschlägigen Babymarkt im Regal stünde! Das aber ist richtig schwierig. Zunächst müssen Bedarf, Qualität, Mengen, Preis und Marge (!) mit den Vorstellungen des Fachmarktes bzw. der ganzen Branche übereinstimmen, und dann braucht es meist ein richtig gutes Vertriebs-Team, um die jeweiligen Einkäufer zu überzeugen und die Händler regelmäßig zu betreuen.
Einfacher gehts zunächst im Direktvertrieb, am besten Online. Hier fällt erstmal eine Handelsstufe (Einzelhändler) weg, aber vorsicht, vielleicht soll/wird sich das in Zukunft ändern und mein Produkt ist dann nicht mehr konkurrenzfähig? Und auch der Onlineshop muss erstellt und betreut werden. Inder Zeit kann man z.B. nicht nähen, was für die Kalkulation (unten) eine Rolle spielen kann.

7. Kann man davon leben?

Hand aufs Herz: Habe ich realistisch kalkuliert? Und wenn ja; ist mein Produkt mit dem entsprechenden Preis konkurrenzfähig? Was passiert, wenn es richtig gut läuft und plötzlich die doppelte/zehnfache Menge hergestellt werden muss? Funktioniert das Konzept dann noch?
Habe ich mir selbst einen faires Gehalt kalkuliert? Habe ich bedacht, dass ziemlich viel meiner Zeit für Logistik, Einkauf, Vertrieb und Kundenkontakt draufgeht?

Zuletzt

Auch alle großen und kleinen bereits existierenden Hersteller von Tragehilfen müssen sich all diesen Fragestellungen (und noch anderen!)  natürlich auch stellen. Einige Punkte sind für große Hersteller kein Problem, z.B. existiert oft bereits ein Vertriebsteam mit den entsprechenden Kontakten zu den Händlern. Gleichzeitig aber existiert vielleicht bereits ein Firmen-Image oder eine bestimmte Zielgruppe, zu dem/der das neue Produkt passen muss. In diesem Fall kommt noch die Frage nach der Unternehmensidentität (Corporate Identity) und des Produktstils (Corporat Design) dazu. Die Produktentwicklung jedes Produktes ist also auch hier immer eine Gratwanderung zwischen manchmal gegensätzlichen Anforderungen, z.B.:
Preis – Qualität
Design – Funktion
Intuitive Bedienung – Features
usw.
Diese Liste lässt sich wahrscheinlich beliebig fortsetzen und kombinieren.

Aber hey, wenn die eigene Idee wirklich neu, bezahlbar und in jeder Hinsicht „tragbar“ ist, dann los! Der Markt ist meiner Meinung nach in diesem Nischen-Segment noch nicht vollständig ausgereizt! Nicht von ungefähr entwickeln viele Hersteller in einem Affenzahn jedes Jahr neue Produkte!
Das würde ich auch der Schwiegertochter von Brigitte sagen; und ich wünsche jedem, der sich in dieses Abenteur der Selbständigkeit stürzt viel Energie und gutes Gelingen!

Was qualifiziert mich zum Schreiben dieses Textes?
Nach einem Produkt-Design Studium habe ich 10 Jahre lang textile Trageprodukte entwickelt; zunächst in mehereren Unternehmen als Designer für genähte sowie geschweißte Taschen und Rucksäcke, die in deutscher sowie asiatischer Produktion hergestellt wurden.
Seit mehreren Jahren bin ich als Product Manager Babycarrier maßgeblich an der Entwicklung von Tragehilfen beteiligt. Ich habe alle Normen und sehr viele Patente diesbezüglich gelesen und analysiert, war auf Messen und in den Läden, habe mich mit vielen Vertrieblern und Händlern auseinandergesetzt, Bedienungsanleitungen und Warnhinweise geschrieben und Tutorial Videos gedreht.
Zusätzlich bin zertifizierte Trageberaterin der Trageschule Hamburg und habe zwei Tragekinder (5 Jahre und 5 Monate)

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